„Warum sollen Geistigbehinderte Judo machen?“
(Auszüge aus einem Schreiben von Lee Teodora Gusic, der Schwester eines G-Judoka)
Was für eine Frage mir da mein Bekannter bloß stellt…leicht verblüfft schaue ich ihn an, denn mir erscheint die Frage so überflüssig, wie ein Handtuch in der vollen Badewanne…
„Das sieht man doch, wenn man es sich anschaut“, antworte ich leicht tautologisch….denn meines Erachtens erschließt sich die Antwort tatsächlich durch die eigene Anschauung. Aber ich bin ein sehr geduldiger Mensch und es gibt ja bekanntlich keine dummen Fragen, sondern nur zu einfache Antworten.
Nun führe ich im Folgenden logische Denkansätze und Hypothesen auf, die gerne jede/r selbst verifizieren kann durch Nachdenken, Erinnern und Beobachten. Ich liefere nur Beispiele dazu, keine Beweise und stelle keinen Wahrheitsanspruch, aber einen Plausibilitätsanspruch.
Logischer Ansatz Nr.1A: Was gut ist für Menschen ohne geistige Behinderung, ist auch gut für Menschen mit geistiger Behinderung. Beispielsweise Bewegung, gesunde Nahrung, Haustiere (wenn sie nicht allergisch sind), Zahnreinigung usw.
Logischer Ansatz Nr.1B: Was schlecht ist für Menschen ohne geistige Behinderung, ist auch schlecht für Menschen mit geistiger Behinderung. Beispielsweise Krieg, Drogen, 300km/h auf der Autobahn zu rasen, Domesteos trinken etc.
Logischer Ansatz Nr.2A: Beim Sport in Vereinen wird gemeinsam gelernt. Lernen ist sinnvoll.
Lebenslang.
Logischer Ansatz Nr.2B: In Sportvereinen wird eine Form von Gemeinschaft gepflegt, die an sich gut tut und gesund hält. Das ist für die Gemeinschaft gut und für die Individuen.
Logischer Ansatz Nr.3: Beim Judo – mehr als bei so manch anderer Sportart, die Körperkontakt vermeidet oder nur zum Zwecke von Fouls einsetzt – geht es um Kontakt zu verschiedenen Menschen in verschiedenen Gruppenformen, Einzelübungen, Zweieraufgaben, Teams und auch mal das ganze Plenum. Dies ist also einer der allerbesten Orte, um in einem organisierten Rahmen soziale Kompetenzen zu erlernen und einzuüben.
Logischer Ansatz Nr. 4: In Punkto (Selbst-)Motivation, Ausdauer, Begeisterung, Freudfähigkeit und Kampfwillen kann so mancher unbehinderte Mensch von Gehandikapten Viel lernen.
Logischer Ansatz Nr.5: Nirgends ist der Ansporn, sich selbst zur Höchstleistung zu bringen größer, als bei Menschen, die sehen, wie sich Behinderte ernst nehmen und versuchen, über sich und ihre Grenzen hinaus zu wachsen.
Logischer Ansatz Nr.6: Auch für Behinderte untereinander ist es spannend zu lernen, dass es noch Schwächere gibt; sie lernen demnach ebenso wie alle Menschen mit Frustrationen umzugehen, aber auch Bewusstsein zu schöpfen im gemeinsamen Training miteinander.
Logischer Ansatz Nr.7: Meine Stärke erkenne ich, koste sie aber nicht aus, sondern kann anderen etwas beibringen. Wie hoch ist das Selbstwertgefühl eines geistig behinderten Menschen, der einer Kinder-Judo-Gruppe als Ko-Trainer/in etwas beibringen kann?